Die Europäische Kommission bewertet im jährlichen Bericht über den Stand der Digitalen Dekade den deutschen Glasfaserausbau erneut als unterdurchschnittlich: Obwohl die Zahl der Haushalte mit einem Glasfaseranschluss bis ins Gebäude (Fibre to the Premises, FTTP) steigt, liegt die Abdeckung weiter spürbar unter dem Durchschnitt der Europäischen Union.
Für Verbraucher bedeutet das langsamere und vielerorts teurere Anschlüsse, für den Wirtschaftsstandort einen Wettbewerbsnachteil bei datenintensiven digitalen Diensten.
Was misst die Digitale Dekade?
Mit dem Politikprogramm "Weg in die digitale Dekade" hat sich die EU verbindliche Ziele für das Jahr 2030 gesetzt.
Eines davon ist die flächendeckende Versorgung aller Haushalte mit Gigabit-fähigen Netzen, in der Praxis vor allem durch Glasfaser.
Die Europäische Kommission misst den Fortschritt jährlich anhand fester Kennzahlen und vergleicht die Mitgliedstaaten untereinander.
Bei der FTTP-Abdeckung zählt Deutschland dabei seit Jahren zu den Nachzüglern, während kleinere Volkswirtschaften wie Spanien oder einige nord- und osteuropäische Staaten bereits nahezu vollständig auf Glasfaser umgestellt haben.
Die Bundesregierung verfolgt mit der Gigabitstrategie des Bundes das Ziel, bis 2030 flächendeckend Glasfaseranschlüsse bereitzustellen.
Zwischenziele und Förderprogramme sollen den Ausbau beschleunigen, insbesondere dort, wo ein eigenwirtschaftlicher Ausbau durch die Unternehmen ausbleibt.
Der Abstand zum EU-Durchschnitt zeigt jedoch, dass der Aufholprozess langsamer verläuft als geplant.
Warum hinkt Deutschland hinterher?
Die Gründe sind strukturell.
Deutschland setzte über Jahre stark auf die Aufrüstung des bestehenden Kupfernetzes, etwa durch das sogenannte Vectoring, das hohe Geschwindigkeiten ohne flächendeckenden Glasfaserausbau versprach.
Der spätere Umstieg auf reine Glasfaser erfolgte entsprechend verzögert.
Hinzu kommen hohe Tiefbaukosten, langwierige Genehmigungsverfahren in den Kommunen und ein fragmentierter Markt mit zahlreichen regionalen Anbietern.
Ein weiteres Hemmnis ist der sogenannte Überbau, bei dem mehrere Unternehmen dieselben, wirtschaftlich attraktiven Gebiete parallel erschließen, während ländliche Regionen unterversorgt bleiben.
Die Bundesnetzagentur (BNetzA) als zuständige Regulierungsbehörde und das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) verweisen auf beschleunigte Verfahren und alternative Verlegemethoden, doch greifen diese erst allmählich.
Branchenbeobachter warnen, dass das 2030-Ziel ohne eine deutliche Steigerung der jährlichen Anschlussraten kaum erreichbar sei.
Was bedeutet das für Verbraucher und Standort?
Für Haushalte ist Glasfaser nicht nur eine Frage höherer Bandbreite, sondern auch geringerer Latenz und stabilerer Verbindungen, was für Homeoffice, Videokonferenzen und Cloud-Anwendungen relevant ist.
Wo Glasfaser fehlt, bleiben Nutzer auf ältere Kupfer- oder Kabelnetze angewiesen, deren Leistung mit der wachsenden Datennachfrage zunehmend an Grenzen stößt.
Für den Wirtschaftsstandort wiegt der Rückstand schwerer.
Datenintensive Geschäftsmodelle, der Mittelstand in der Fläche und der Betrieb von Anwendungen mit hohem Bandbreitenbedarf hängen unmittelbar von leistungsfähiger Infrastruktur ab.
Marktteilnehmer betonen, dass eine moderne Glasfaserbasis Voraussetzung für weitere Digitalisierungsschritte ist, von Künstlicher Intelligenz bis zu vernetzter Industrie.
Der EU-Bericht zur Digitalen Dekade dient dabei weniger als Ranking denn als Mahnung: Ohne ein höheres Ausbautempo droht Deutschland, den selbst gesteckten und den europäischen Zielen dauerhaft hinterherzulaufen.



