Trotz nominell voller Auftragsbücher melden deutsche Handwerksbetriebe einen wachsenden Rückgang an realisierbaren Aufträgen.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) warnte zuletzt vor einer drohenden Pleitewelle im Ausbaugewerbe, weil steigende Materialpreise und der Mangel an Fachkräften die Margen vieler Betriebe aufzehren.
Betroffen sind nach Angaben aus der Branche vor allem das Sanitär-, Heizungs- und Klimahandwerk (SHK), der Elektrobereich sowie Stuckateur- und Trockenbaubetriebe.
Warum Betriebe Aufträge zurückgeben
Die Diskrepanz zwischen gemeldeten Auftragsbeständen und tatsächlicher Auslastung wächst.
Viele Handwerksunternehmen haben in der Niedrigzinsphase Aufträge zu Festpreisen kalkuliert, deren Materialgrundlage seit 2022 deutlich teurer geworden ist.
Bei langlaufenden Projekten — etwa im energetischen Sanierungsgeschäft oder im Innenausbau — schlagen Preissteigerungen bei Dämmstoffen, Kupfer, Stahlerzeugnissen und Sanitärkeramik direkt auf das Ergebnis durch.
Branchenbeobachter berichten, dass Betriebe zunehmend dazu übergehen, bereits unterschriebene Verträge einvernehmlich aufzulösen oder gegen eine Konventionalstrafe zu stornieren, weil die Ausführung zu den vereinbarten Konditionen einen sicheren Verlust bedeuten würde.
Hinzu kommt der akute Fachkräftemangel.
Nach Einschätzung des ZDH bleibt eine erhebliche Zahl gemeldeter offener Stellen im Handwerk dauerhaft unbesetzt.
Wenn ein Geselle ausfällt oder kündigt, kann ein Kleinbetrieb mit fünf bis zehn Beschäftigten ganze Baustellen nicht mehr bedienen.
Betriebe priorisieren daher zunehmend margenstarke Kleinaufträge gegenüber großen Sanierungsprojekten, deren Kalkulation Monate alt ist.
Welche Folgen drohen dem Ausbaugewerbe?
Der Zentralverband sieht im Ausbaugewerbe das größte Insolvenzrisiko.
Anders als das Bauhauptgewerbe, das stärker von öffentlichen Aufträgen profitiert, ist das Ausbaugewerbe eng an die private Bautätigkeit und an Eigentümer-Sanierungen gekoppelt.
Diese sind angesichts gestiegener Bauzinsen, gestrichener KfW-Förderprogramme und unsicherer Regeln rund um das Gebäudeenergiegesetz (GEG) deutlich zurückgegangen.
Die Folge: Auftragseingänge brechen ein, bestehende Verträge werden unrentabel, und die Eigenkapitaldecke vieler inhabergeführter Betriebe schmilzt.
Auch die gewerblichen Schuldnerberatungen und Insolvenzverwalter verzeichnen eine erkennbare Zunahme von Anfragen aus dem Handwerk.
Marktteilnehmer rechnen damit, dass die Insolvenzzahlen im Ausbaugewerbe im laufenden Jahr deutlich über dem langjährigen Durchschnitt liegen werden.
Besonders gefährdet seien Betriebe mit weniger als 20 Beschäftigten, die kaum Spielraum haben, einzelne Verlustaufträge intern zu kompensieren.
Was fordern die Verbände?
Der ZDH fordert von der Bundesregierung verlässliche und langfristige Förderkulissen, insbesondere bei der energetischen Sanierung.
Häufige Programmänderungen — etwa bei der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) — hätten Auftraggeber verunsichert und Investitionen aufgeschoben.
Daneben verlangen Branchenvertreter eine stärkere Ausrichtung der dualen Ausbildung auf die Bedarfe des Handwerks sowie Erleichterungen bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.
Die wirtschaftspolitische Debatte konzentriert sich derzeit auf Energiekosten und Industriestrompreis.
Aus Sicht des Handwerks droht dabei aus dem Blick zu geraten, dass ein Großteil der Wertschöpfung in der Fläche von mittelständischen Betrieben getragen wird, deren wirtschaftliche Lage sich gegenwärtig spürbar verschlechtert.
Sollten Materialkosten weiter steigen und private Bauinvestitionen anhaltend ausbleiben, könnte die Konsolidierung im Ausbaugewerbe nach Einschätzung von Marktteilnehmern bis weit in das kommende Jahr reichen.



