Sozialverbände in Deutschland warnen vor einer wachsenden Armut: Nach Einschätzung von Verbänden wie dem Sozialverband VdK und dem Paritätischen Gesamtverband ist die Zahl der Menschen unter der Armutsgrenze in den vergangenen Jahren gestiegen, getrieben vor allem von hohen Lebenshaltungskosten bei Wohnen und Energie.
Besonders betroffen seien Familien, Alleinerziehende und ältere Menschen.
Die Verbände forderten Anfang Juni 2026 gezielte Entlastungen und eine grundlegende Reform der sozialen Sicherung.

Als armutsgefährdet gilt nach der gängigen europäischen Definition, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens verfügt.
Das Statistische Bundesamt (Destatis) erhebt diese Quote jährlich im Rahmen des Mikrozensus; Eurostat führt die Daten europaweit zusammen.
Branchenbeobachter verweisen darauf, dass die reine Einkommensschwelle das tatsächliche Ausmaß materieller Entbehrung nur teilweise abbildet, weil regional stark unterschiedliche Wohnkosten nicht einberechnet werden.

Warum steigen die Belastungen gerade jetzt?

Im Zentrum der Kritik stehen die Wohnkosten.
In angespannten Wohnungsmärkten großer Städte beansprucht die Miete einen wachsenden Anteil des verfügbaren Einkommens, vor allem bei Haushalten mit geringem Verdienst.
Der Deutsche Mieterbund verweist seit Längerem auf zu wenig bezahlbaren Neubau; Instrumente wie Mietpreisbremse und Mietspiegel mildern die Dynamik nur begrenzt.
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) dokumentiert eine zunehmende Konzentration von Wohnungsnot in Ballungsräumen.

Hinzu kommen die Energiekosten.
Auch nach dem Auslaufen befristeter Entlastungen liegen die Preise für Strom und Wärme über dem Niveau früherer Jahre.
Für Haushalte mit kleinem Budget, die einen größeren Teil ihres Einkommens für Grundbedarfe ausgeben, wirken Preissprünge bei Energie überproportional.
Verbände fordern deshalb zielgenaue Energiekostenpauschalen statt pauschaler Zuschüsse.

Wer ist besonders betroffen?

Als Risikogruppen nennen die Sozialverbände vor allem drei: Familien mit mehreren Kindern, Alleinerziehende und ältere Menschen mit niedrigen Renten.
Bei Alleinerziehenden trifft ein einzelnes Einkommen auf hohe Fixkosten; fällt der Verdienst weg, fehlt ein zweites Standbein.
Bei älteren Menschen schlägt der demografische Wandel durch: Wer über Jahrzehnte niedrige Löhne bezog oder Erwerbslücken hatte, erhält eine entsprechend geringe Rente.
Der VdK verweist in diesem Zusammenhang auf die Debatte um das Rentenpaket und die langfristige Finanzierung der sozialen Sicherung.

Die Verbände dringen auf strukturelle Reformen statt einmaliger Hilfen.
Gefordert werden unter anderem ein höherer Schutz vor Wohnkostenüberlastung, eine Stärkung der Grundsicherung und eine bessere Verzahnung von Sozial-, Wohn- und Rentenpolitik.
Kritiker solcher Forderungen verweisen auf enge Haushaltsspielräume von Bund und Ländern und plädieren für treffsichere statt breit gestreute Maßnahmen.
Die Bundesregierung hat bislang signalisiert, einzelne Entlastungen zu prüfen, ohne sich auf ein umfassendes Reformpaket festzulegen.
Wie sich die Armutsgefährdung weiterentwickelt, dürfte sich erst mit den nächsten Erhebungen von Destatis und Eurostat verlässlich beziffern lassen.