Eine wachsende Zahl mittelständischer Industriebetriebe in Deutschland prüft im Jahr 2026 die Verlagerung von Produktionskapazitäten ins Ausland, weil die Energiekosten nach Darstellung der Industrie- und Handelskammern (IHK) zu einer dauerhaften Standortbelastung geworden sind.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) verweist auf eine steigende Zahl entsprechender Rückmeldungen aus den regionalen Kammern, vor allem aus energieintensiven Branchen wie der Metallverarbeitung, der Chemie, der Papier- und der Glasindustrie.
Warum geraten gerade mittelständische Betriebe unter Druck?
Der Mittelstand verfügt anders als große Konzerne meist weder über eigene Stromerzeugung noch über die Verhandlungsmacht für langfristige Bezugsverträge zu festen Konditionen.
Damit schlagen Schwankungen bei Großhandelspreisen, Netzentgelten und Abgaben unmittelbarer auf die Kalkulation durch.
Hinzu kommt, dass viele Entlastungen für energieintensive Verbraucher an Mindestverbrauchsmengen geknüpft sind, die kleinere Betriebe nicht erreichen.
Branchenbeobachter weisen darauf hin, dass die Energiekosten in der Fertigung damit zu einem festen Wettbewerbsnachteil gegenüber Standorten in Nordamerika oder Asien geworden seien, wo Strom und Gas deutlich günstiger verfügbar sind.
Was fordert die Wirtschaft — und was plant die Politik?
Im Zentrum der Debatte steht ein staatlich gestützter Industriestrompreis, mit dem der Strombezug für besonders betroffene Unternehmen befristet verbilligt werden soll.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hat dazu Eckpunkte vorgelegt, deren Ausgestaltung jedoch vom beihilferechtlichen Rahmen der Europäischen Kommission abhängt.
Strittig ist insbesondere, ob auch der breite Mittelstand und nicht nur eine begrenzte Zahl sehr großer Verbraucher von einer solchen Regelung profitieren würde.
Parallel dazu prüft die Bundesnetzagentur die künftige Verteilung der Netzentgelte, die einen wachsenden Anteil am Strompreis ausmachen.
Wirtschaftsverbände dringen darauf, diese Kosten gleichmäßiger zu verteilen, statt sie vor allem Regionen mit starkem Netzausbau aufzubürden.
Welche Folgen drohen für die Standorte?
Anders als bei einer Insolvenz vollzieht sich eine Verlagerung in der Regel schrittweise: Neue Investitionen fließen zunächst in ausländische Werke, während die Produktion am deutschen Standort über Jahre ausläuft.
Marktteilnehmer warnen deshalb vor einer schleichenden Erosion industrieller Wertschöpfungsketten, die statistisch erst spät sichtbar werde.
Betroffen wären nicht nur die verlagernden Betriebe selbst, sondern auch Zulieferer und das regionale Handwerk.
Zusätzlichen Druck erzeugt der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM), der seit dem 1.
Januar 2026 eine Zertifikatspflicht für bestimmte Importe vorsieht und die Kostenkalkulation entlang der Lieferketten weiter verkompliziert.
Ob die geplanten Entlastungen ausreichen, um die angekündigten Verlagerungen zu verhindern, ist nach Einschätzung von Branchenbeobachtern derzeit offen.



