Supermärkte, Discounter und Modeketten in Deutschland finden im Sommer 2026 trotz spürbar gestiegener Stundenlöhne deutlich weniger Schülerinnen, Schüler und Studierende für klassische Ferienjobs als in den Vorjahren – Branchenverbände sprechen von einer wachsenden Lücke gerade in der urlaubsintensiven Zeit zwischen Juli und September.
Was zunächst wie ein saisonales Ärgernis wirkt, verweist auf eine grundlegende Verschiebung im Markt für Nebenjobs, die den stationären Handel besonders hart trifft.

Denn ausgerechnet in den Sommerwochen, in denen Stammbelegschaften Urlaub nehmen, waren Aushilfen an der Kasse, im Lager und beim Auffüllen der Regale traditionell das Rückgrat des Betriebs.
Personalverantwortliche im Lebensmitteleinzelhandel berichten, dass Stellenausschreibungen für Ferienjobs teils wochenlang unbeantwortet bleiben – selbst dort, wo Unternehmen mit Löhnen deutlich oberhalb des gesetzlichen Mindestlohns von 13,90 Euro pro Stunde werben, der seit dem 1.
Januar 2026 gilt.

Warum reicht mehr Geld nicht mehr aus?

Die naheliegende Erklärung, junge Menschen seien schlicht nicht mehr bereit zu arbeiten, greift nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern zu kurz.
Vielmehr hat sich die Konkurrenz um dieselbe Zielgruppe vervielfacht.
Lieferdienste, Gastronomie und Logistikunternehmen werben ebenfalls um Aushilfen – oft mit flexibleren Schichtmodellen, die sich per App buchen lassen.
Der Einzelhandel mit seinen festen Frühschichten und Wochenenddiensten wirkt dagegen für viele Jugendliche unattraktiv, unabhängig vom Stundenlohn.

Hinzu kommt die Demografie: Die Jahrgänge, die derzeit die Oberstufe oder die ersten Semester durchlaufen, sind kleiner als frühere Kohorten.
Das Statistische Bundesamt (Destatis) weist seit Jahren auf die schrumpfende Zahl junger Erwerbsfähiger hin – ein Trend, der sich zuerst dort bemerkbar macht, wo Arbeit kurzfristig, körperlich und ortsgebunden ist, wie auch Handwerksbetriebe mit vollen Auftragsbüchern und leeren Werkbänken erfahren.

Minijob-Grenze und neue Alternativen

Auch die Rahmenbedingungen haben sich verschoben.
Die Verdienstgrenze für Minijobs ist an den Mindestlohn gekoppelt und liegt 2026 bei 603 Euro im Monat.
Wer als Studierende oder Studierender mehr verdienen will, wechselt häufig in Werkstudentenstellen, die neben besserer Bezahlung oft fachliche Anknüpfungspunkte bieten – etwa in Büros, Agenturen oder der IT.
Der klassische Ferienjob im Supermarkt verliert in dieser Rechnung doppelt: Er zahlt zwar mehr als früher, aber er zahlt weder auf den Lebenslauf noch auf ein späteres Berufsfeld ein.

Marktbeobachter verweisen zudem auf die kurzfristige Vermittlungslogik digitaler Plattformen, über die sich einzelne Schichten in Gastronomie oder Veranstaltungsbranche annehmen lassen, ohne sich für sechs Wochen zu binden.
Diese Flexibilität kann der filialgebundene Handel mit seinen Dienstplänen strukturell kaum bieten.

Was bedeutet das für den Handel?

Kurzfristig behelfen sich viele Filialen mit Mehrarbeit der Stammbelegschaft, reduzierten Öffnungszeiten einzelner Abteilungen oder einem beschleunigten Ausbau von Selbstbedienungskassen – und das in einer Phase, in der die Tarifrunde im Einzelhandel vor dem Scheitern steht.
Mittelfristig dürfte der Druck steigen, Nebenjobs im Handel neu zuzuschneiden: kürzere und frei wählbare Schichten, digitale Einsatzplanung und Prämien für die Ferienspitzen gelten in der Branche als wahrscheinlichste Antworten.

Die Ferienjob-Lücke ist damit weniger ein Sommerproblem als ein Frühindikator.
Sie zeigt, dass der Wettbewerb um Arbeitskräfte längst auch das unterste Segment des Arbeitsmarkts erreicht hat – ähnlich wie der Fachkräftemangel im Wärmepumpen-Handwerk – und dass Lohnerhöhungen allein nicht mehr genügen, wenn Flexibilität und Perspektive zur eigentlichen Währung geworden sind.