Die Tarifverhandlungen im deutschen Einzelhandel stehen vor dem Scheitern.
Nach Monaten ergebnisloser Runden verhärten sich die Fronten zwischen der Gewerkschaft Verdi und den Arbeitgeberverbänden derart, dass Branchenbeobachter einen Abschluss innerhalb der laufenden Tarifperiode für unwahrscheinlich halten.
Im Zentrum des Konflikts steht längst nicht mehr nur die Frage, wie stark die Löhne steigen sollen.
Es geht um das Fundament selbst: den Flächentarifvertrag, der die Arbeitsbedingungen für rund 2,5 Millionen Beschäftigte regelt.
Der Bruch mit einer jahrzehntelangen Ordnung
Bislang galt der Flächentarif als stabilisierendes Element einer Branche, in der kleine Boutiquen und globale Filialisten unter demselben Dach verhandeln.
Nun signalisieren Vertreter der Arbeitgeberseite, dass sie diesen Rahmen für überholt halten.
Begründet wird der Vorstoß mit der stark unterschiedlichen Ertragslage zwischen Lebensmittelhandel, Textilbranche und Elektronikfachhandel.
Ein einheitliches Lohngefüge, so die Argumentation, werde der wirtschaftlichen Realität nicht mehr gerecht.
Hintergrund ist ein seit Jahren laufender Erosionsprozess.
Der Organisationsgrad der Arbeitgeber in den Tarifverbänden ist rückläufig, zahlreiche Ketten haben die Tarifbindung bereits durch sogenannte OT-Mitgliedschaften — ohne Tarifbindung — faktisch aufgekündigt.
Was jetzt öffentlich diskutiert wird, vollzieht in der Praxis einen Zustand nach, der sich hinter den Kulissen längst ausgebreitet hat.
Was der Abschied vom Flächentarif bedeuten würde
Ohne einen allgemeinverbindlichen Rahmen rückten betriebliche Einzelregelungen in den Vordergrund.
Für große, gut organisierte Betriebe mit schlagkräftigen Betriebsräten mag das verkraftbar sein.
In kleineren Filialen, in denen gewerkschaftliche Strukturen kaum existieren, droht dagegen ein Rückzug auf gesetzliche Mindeststandards.
Marktteilnehmer rechnen mit einer wachsenden Spreizung der Arbeitsbedingungen — zwischen Regionen, zwischen Unternehmensgrößen, zwischen Sparten.
Besonders heikel ist die Frage der Sonntagszuschläge, der Urlaubsregelungen und der Altersversorgung, die in den aktuellen Tarifwerken detailliert ausgestaltet sind.
Fiele dieser Rahmen weg, müssten Beschäftigte und Betriebsräte jede einzelne Komponente neu erkämpfen.
Verdi warnt vor einem Flickenteppich, in dem gleiche Arbeit zu sehr unterschiedlichen Bedingungen verrichtet wird.
Die Arbeitgeberverbände halten dem entgegen, dass flexible Lösungen notwendig seien, um Beschäftigung in strukturschwachen Lagen überhaupt zu sichern.
Politische Dimension und mögliche Eskalation
Der Konflikt hat längst eine politische Dimension erreicht.
Aus der Bundespolitik kommen mahnende Stimmen, die auf die Signalwirkung für andere Branchen hinweisen.
Sollte ausgerechnet der beschäftigungsstärkste Privatwirtschaftszweig nach der Industrie die Tarifbindung lockern, dürfte der Druck auf Gastgewerbe, Logistik und personennahe Dienstleistungen zunehmen.
Auch die Diskussion um ein Bundestariftreuegesetz erhält durch die Vorgänge neue Nahrung.
Kurzfristig ist mit einer Ausweitung der Arbeitskämpfe zu rechnen.
Verdi hat bereits angedeutet, Streiks in die umsatzstarken Phasen vor den Feiertagen zu legen, sollte es bis dahin keine Bewegung geben.
Für die Beschäftigten steht damit nicht nur ein Inflationsausgleich auf dem Spiel, sondern die Frage, in welchem Ordnungsrahmen ihre Arbeit künftig organisiert wird.
Ein Scheitern der Gespräche in der laufenden Form würde eine Zäsur markieren, deren Wirkung weit über den Einzelhandel hinausreichen dürfte.



