Im Frühjahr 2026 ist in Schleswig-Holstein erstmals in allen elf Kreisen und vier kreisfreien Städten mindestens ein Weißstorch-Brutpaar nachgewiesen worden.
Der Landesverband für den Schutz des Weißstorchs spricht von einem historischen Wendepunkt für die nördlichste deutsche Storchenpopulation, die noch in den 1990er-Jahren als bedroht galt.
Parallel zum Bestandswachstum verschärft sich in der nordfriesischen Gemeinde Bordelum ein Konflikt um Nisthilfen auf Mittelspannungsmasten, der inzwischen die Kommunalpolitik und den Netzbetreiber Schleswig-Holstein Netz beschäftigt.

Die Storchenstation Bergenhusen, eine Außenstelle des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), bestätigt für die laufende Saison eine Verdopplung der Brutpaare gegenüber dem Jahr 2015.
Auch in Kreisen wie Plön und Ostholstein, in denen Adebar lange Zeit nur Gastrolle hatte, brüten Paare nun regelmäßig.
Als Ursachen gelten mildere Winter auf der westlichen Zugroute über Spanien, ein wachsendes Nahrungsangebot in wiedervernässten Niederungen sowie das dichte Netz künstlicher Nisthilfen.

Warum kehren die Störche zurück?

Fachleute führen die Erholung vor allem auf Veränderungen im Zugverhalten zurück.
Der überwiegende Teil der schleswig-holsteinischen Störche überwintert inzwischen nicht mehr südlich der Sahara, sondern auf der Iberischen Halbinsel, wo offene Mülldeponien und bewässerte Reisfelder ganzjährig Nahrung bieten.
Die kürzeren Zugstrecken senken die Sterblichkeit deutlich.

Hinzu kommen landesweite Renaturierungsprogramme.
Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein hat in den vergangenen Jahren mehrere Tausend Hektar Niedermoor wiedervernässt; die feuchten Wiesen sind ideale Jagdgründe für Frösche, Mäuse und Regenwürmer.
Auch der Ausstieg aus der intensiven Grünlandnutzung in einigen Naturschutzgebieten zeigt nach Einschätzung von Branchenbeobachtern Wirkung.
Schließlich tragen ehrenamtliche Storchenbetreuer dazu bei, dass Jungvögel in Trockenphasen zugefüttert und beringt werden.

Streit in Bordelum: Wem gehört der Mast?

In Bordelum, einer Gemeinde mit rund 1.500 Einwohnern im Kreis Nordfriesland, entzündet sich der Konflikt an drei Mittelspannungsmasten am Ortsrand, auf denen Anwohner eigenmächtig Nestplattformen montiert haben.
Der Netzbetreiber Schleswig-Holstein Netz, eine Tochter der HanseWerk-Gruppe, fordert den Rückbau.
Begründet wird dies mit der Betriebssicherheit: Storchennester können bis zu 500 Kilogramm wiegen, herabfallendes Nistmaterial verursacht Kurzschlüsse, und Wartungsarbeiten dürfen in der Brutzeit nicht ohne Weiteres durchgeführt werden.

Die Gemeindevertretung hat sich in einer Sondersitzung mehrheitlich hinter die Bürgerinitiative gestellt und fordert vom Netzbetreiber, die bestehenden Nester zu dulden und stattdessen isolierte Aufsätze nachzurüsten.
Vergleichbare Lösungen sind in anderen Bundesländern bereits erprobt.
Schleswig-Holstein Netz verweist auf laufende Gespräche mit der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises; eine kurzfristige Räumung der Nester sei nicht geplant, eine dauerhafte Duldung jedoch ohne technische Nachrüstung ausgeschlossen.

Was bedeutet der Boom für den Artenschutz?

Für den Landesverband ist der flächendeckende Brutnachweis ein politisches Argument.
Er fordert ein landesweites Förderprogramm für storchengerechte Mastaufsätze und eine verbindliche Berücksichtigung von Nisthilfen bei Netzausbauprojekten.
Das schleswig-holsteinische Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur prüft nach eigenen Angaben einen entsprechenden Leitfaden.

Kritiker mahnen indes, der Boom dürfe nicht über strukturelle Probleme hinwegtäuschen.
Trockenheit im Mai, Stromschlag an ungesicherten Masten und Kollisionen mit Windenergieanlagen bleiben die häufigsten Todesursachen.
Ob aus dem Rekordjahr ein stabiler Trend wird, dürfte sich nach Einschätzung von Ornithologen erst in den kommenden drei bis fünf Brutsaisons zeigen.

Quellen