Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat in der Prignitz im Nordwesten Brandenburgs in diesem Frühjahr eine Rekordzahl an Weißstorch-Brutpaaren registriert, während gleichzeitig ein deutlicher Einbruch beim Bruterfolg zu beobachten ist.
Nach Angaben der Landesarbeitsgruppe Weißstorchschutz im Nabu Brandenburg hat die anhaltende Trockenheit im April dazu geführt, dass zahlreiche Jungvögel in den Nestern verhungern, weil Altvögel nicht genügend Nahrung finden.
Brandenburg gilt seit Jahrzehnten als bundesweites Kernland des Weißstorchs (Ciconia ciconia).
Die Prignitz mit ihren Niederungen entlang von Elbe, Stepenitz und Dosse zählt dabei zu den dichtest besiedelten Regionen.
Dörfer wie Rühstädt, das offiziell den Titel „Europäisches Storchendorf" trägt, beherbergen seit Jahren mehrere Dutzend Horste auf engem Raum.
Warum brüten mehr Störche – und sterben mehr Junge?
Die hohe Zahl an Brutpaaren führen Fachleute auf mehrere Faktoren zurück.
Zum einen profitieren die Tiere von milderen Wintern auf ihren Zugrouten und Rastplätzen, zum anderen von gezielten Schutzmaßnahmen wie Horstpflege, Nisthilfen auf Strommasten und renaturierten Feuchtwiesen.
Auch ein wachsender Anteil sogenannter Westzieher, die nur bis nach Spanien oder Nordafrika fliegen und früher zurückkehren, dürfte zur stabilen Population beitragen.
Doch die günstige Ausgangslage trifft in diesem Jahr auf ungünstige Wetterbedingungen.
Der April 2026 zählt nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zu den trockensten seit Beginn der flächendeckenden Aufzeichnungen.
In Brandenburg fiel verbreitet weniger als ein Drittel der üblichen Niederschlagsmenge.
Für junge Störche ist das fatal: Sie sind in den ersten Lebenswochen auf weiche, eiweißreiche Nahrung wie Regenwürmer, Frösche und Insektenlarven angewiesen.
Trocknen Wiesen und Tümpel aus, brechen diese Nahrungsketten zusammen.
Nabu-Storchenbetreuer berichten von Horsten, in denen drei oder vier Jungvögel geschlüpft seien, von denen am Ende nur eines flügge werde.
In besonders betroffenen Lagen würden ganze Bruten aufgegeben.
Altvögel werfen geschwächte Küken aus dem Nest, um die stärksten Jungtiere durchzubringen – ein Verhalten, das in Trockenjahren regelmäßig beobachtet wird.
Welche Rolle spielt der Klimawandel?
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verweisen seit Jahren darauf, dass sich Frühjahrsdürren in Ostdeutschland häufen.
Brandenburg gehört zu den niederschlagsärmsten Bundesländern und ist besonders empfindlich gegenüber Niederschlagsdefiziten in der Vegetationsperiode.
Der Weißstorch dient dabei als anschaulicher Indikator: Seine Bruterfolge spiegeln den Zustand der Kulturlandschaft und ihrer Feuchtgebiete wider.
Naturschutzverbände fordern, die Wiedervernässung von Mooren und Flussauen zu beschleunigen und den Wasserrückhalt in der Fläche zu verbessern.
Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) hat dazu im Rahmen des „Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz" Mittel bereitgestellt; viele Vorhaben kommen jedoch nur langsam voran, da Flächeneigentümer, Landwirtschaft und Wasserbehörden lange Abstimmungswege haben.
Was bedeutet das für die Storchenregion?
Für den Tourismus in der Prignitz ist der Storch ein wichtiger Anziehungspunkt.
Besucherzentren, geführte Touren und Beobachtungsplattformen vor allem in Rühstädt zählen jährlich zehntausende Gäste.
Bricht der Bruterfolg über mehrere Jahre ein, droht mittelfristig auch ein Rückgang der Population – mit Folgen für das touristische Profil der Region.
Der Nabu kündigte an, die diesjährige Brutsaison engmaschig zu dokumentieren.
Endgültige Zahlen zu Brutpaaren und ausgeflogenen Jungvögeln werden traditionell im Spätsommer veröffentlicht, wenn die Jungstörche das Nest verlassen haben.



