Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben Anfang Juni 2026 ihre gemeinsame Konjunkturprognose für das laufende Jahr nach unten korrigiert und begründen den Schritt vor allem mit dem zunehmenden US-Protektionismus und anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten.
An der halbjährlichen Gemeinschaftsdiagnose wirken unter anderem das ifo Institut, das Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel), das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) mit.
Die Volkswirte erwarten für 2026 weiterhin ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, jedoch in geringerem Umfang als noch in ihrer Frühjahrsschätzung unterstellt.
Warum fällt die Prognose schwächer aus?
Als wesentlichen Bremsfaktor benennen die Institute die handelspolitische Abschottung der Vereinigten Staaten.
Höhere Einfuhrzölle auf europäische Waren und die Unsicherheit über künftige Handelsschranken belasten die exportorientierte deutsche Industrie und verzögern Investitionsentscheidungen.
Hinzu kommen geopolitische Risiken, die sich über Energiepreise, Lieferketten und ein eingetrübtes Geschäftsklima auf die Konjunktur übertragen.
Stimmungsindikatoren wie der ifo Geschäftsklimaindex und die ZEW-Konjunkturerwartungen hatten zuletzt auf eine verhaltene Dynamik hingedeutet.
Marktteilnehmer verweisen zudem auf die Wettbewerbsnachteile energieintensiver Branchen, die seit dem 1.
Januar 2026 auch den CO₂-Grenzausgleich (CBAM) mit Zertifikatspflicht in ihre Kalkulation einbeziehen müssen.
Wie sehr die hohen Energiekosten auf die Standortentscheidungen drücken, zeigte zuletzt eine Umfrage unter Mittelständlern.
Stützt der Staat die Konjunktur?
Gegenläufig wirkt die expansive Finanzpolitik des Bundes.
Die kreditfinanzierten Sondervermögen, insbesondere die Mittel für Verteidigung und Infrastruktur, sowie ein wachsender öffentlicher Konsum verhindern nach Einschätzung der Forscher einen stärkeren Einbruch.
Der Staatsverbrauch bleibt damit eine zentrale Stütze der Binnennachfrage, während die privaten Ausrüstungs- und Bauinvestitionen erst allmählich Tritt fassen.
Branchenbeobachter führen die Investitionszurückhaltung der Unternehmen auf die unsichere Auftragslage, hohe Finanzierungskosten und die schwer kalkulierbaren Außenhandelsbedingungen zurück.
Eine kräftige Erholung der privaten Investitionen erwarten die Institute überwiegend erst gegen Jahresende oder im Verlauf von 2027.
Welche Rolle spielen Geldpolitik und Löhne?
Unterstützung könnte von der Geldpolitik kommen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den geldpolitischen Kurs zuletzt gelockert, nachdem sich die am Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) gemessene Inflation dem Zielwert angenähert hatte.
Niedrigere Finanzierungskosten könnten Investitionen und privaten Konsum mittelfristig anschieben.
Auch die in den jüngsten Tarifrunden vereinbarten Lohnsteigerungen stärken die real verfügbaren Einkommen der Haushalte und damit den Konsum.
Gleichwohl bleiben die Abwärtsrisiken nach Lesart der Institute überwiegend: Eskaliert der Handelskonflikt weiter oder verschärfen sich die geopolitischen Spannungen, könnte das Wachstum noch schwächer ausfallen als nun prognostiziert.
Eine spürbare Entspannung im Außenhandel gilt umgekehrt als wichtigste Voraussetzung dafür, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr wieder an Fahrt gewinnt.



