Immer mehr Industrieunternehmen in Deutschland kämpfen seit Jahresbeginn 2026 erneut mit Materialengpässen: Branchenumfragen zufolge hat sich der Anteil der Betriebe, die über fehlende Vorprodukte und Rohstoffe klagen, seit Januar mehr als verdoppelt.
Betroffen sind vor allem die exportstarken Schlüsselindustrien, deren Fertigung auf eng getaktete internationale Lieferketten angewiesen ist.
Damit kehrt ein Problem zurück, das viele Betriebe seit den Engpassjahren nach der Corona-Pandemie überwunden glaubten.
Die Entwicklung trifft die deutsche Wirtschaft in einer ohnehin fragilen Phase.
Der ifo Geschäftsklimaindex, der die Stimmung in den Unternehmen misst, hatte sich zuletzt nur zögerlich erholt.
Neue Lieferprobleme drohen diese vorsichtige Stabilisierung auszubremsen, zumal die Industrie als konjunktureller Taktgeber gilt.
Welche Branchen trifft es am stärksten?
Im Zentrum stehen erneut die Automobilindustrie und ihre Zulieferer, der Maschinen- und Anlagenbau sowie die Elektro- und Elektronikindustrie.
Diese Branchen verarbeiten eine Vielzahl spezialisierter Komponenten, von Halbleitern über elektronische Bauteile bis zu bestimmten Metallen und Vorprodukten der Chemie.
Fällt ein einzelnes Teil aus, kann die gesamte Fertigung ins Stocken geraten.
Marktteilnehmer berichten, dass sich Lieferzeiten für einzelne Bauteile zuletzt wieder spürbar verlängert haben.
Was treibt die neuen Engpässe an?
Die Ursachen sind vielschichtig.
Geopolitische Spannungen und Unsicherheiten auf wichtigen Seehandelsrouten erschweren den Transport, während die starke Konzentration einzelner Rohstoffe — etwa seltener Erden und bestimmter Vorprodukte — auf wenige Förder- und Produktionsländer die Versorgung anfällig macht.
Hinzu kommt, dass mit dem Auslaufen der CBAM-Übergangsphase zum 1.
Januar 2026 für importierte Güter wie Stahl, Aluminium und Zement eine Zertifikatspflicht im Rahmen des CO2-Grenzausgleichs greift, was Beschaffung und Kalkulation zusätzlich verändert.
Branchenbeobachter verweisen zudem auf eine vorsorgliche Lagerhaltung: Aus Sorge vor Knappheit ordern manche Unternehmen größere Mengen, was die Verfügbarkeit für andere weiter verknappt.
Welche Folgen drohen für Produktion und Konjunktur?
Konkret zwingen die Engpässe einzelne Werke dazu, Produktionspläne anzupassen, Schichten zu verschieben oder Aufträge später auszuliefern.
Das belastet Umsätze und kann sich über Vorleistungsketten durch die gesamte Wirtschaft ziehen.
Steigen zugleich die Beschaffungskosten, geben Unternehmen diese häufig über höhere Preise weiter — ein Risiko, das auch die Europäische Zentralbank (EZB) mit Blick auf die Inflationsentwicklung beobachtet.
Ob sich die Lage rasch entspannt, ist offen.
Sollten sich die Engpässe verfestigen, könnte dies die für 2026 erhoffte konjunkturelle Belebung dämpfen.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) und die Wirtschaftsverbände dürften die Versorgungslage daher in den kommenden Monaten genau verfolgen.
Für die Betriebe bleibt vorerst die Aufgabe, Lieferquellen zu diversifizieren und ihre Lagerstrategien anzupassen.



