Zum Höhepunkt der Pilzsaison warnen die Giftinformationszentren in Deutschland Ende September 2026 davor, Waldfunde allein mit Pilz-Erkennungs-Apps auf dem Smartphone zu bestimmen.
Hintergrund sind Beratungsfälle, in denen Sammlerinnen und Sammler essbare Arten mit gefährlichen Doppelgängern verwechselt haben.
Allen voran geht es um den Grünen Knollenblätterpilz, auf den der Großteil der tödlichen Pilzvergiftungen in Mitteleuropa zurückgeht.
Nach Darstellung von Toxikologen rufen in feuchten Herbstwochen regelmäßig deutlich mehr Menschen bei den Giftnotrufen an als im übrigen Jahr.
Auffällig sei, dass Betroffene zunehmend angeben, ihren Fund vor dem Verzehr per App überprüft zu haben.
Warum sind Pilz-Apps unzuverlässig?
Die gängigen Anwendungen vergleichen ein Foto mit einer Bilddatenbank und geben eine Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Art aus.
Genau die Merkmale, an denen sich ein Knollenblätterpilz sicher erkennen lässt, sind auf einer Aufnahme von oben jedoch oft nicht zu sehen: die knollig verdickte Stielbasis mit häutiger Scheide, die häufig im Boden steckt, der hängende Ring am Stiel und die durchgehend weißen Lamellen.
Hinzu kommen Faktoren, die kein Algorithmus zuverlässig ausgleicht, etwa Lichtverhältnisse, das Alter des Fruchtkörpers oder vom Regen ausgewaschene Hutfarben.
Geruch, Konsistenz und Sporenpulverfarbe fließen in eine Bildanalyse ohnehin nicht ein.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin rät seit Jahren davon ab, sich bei der Bestimmung von Speisepilzen auf Apps zu verlassen.
Viele Anbieter weisen in ihren Nutzungsbedingungen selbst darauf hin, dass ihre Ergebnisse keine Verzehrempfehlung darstellen.
Eine prozentuale Trefferangabe erzeuge jedoch eine Sicherheit, die es in der Pilzbestimmung nicht gebe, heißt es aus Fachkreisen.
Was macht den Grünen Knollenblätterpilz so gefährlich?
Der Grüne Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) wächst von Sommer bis Herbst in Laub- und Mischwäldern, bevorzugt unter Eichen und Buchen.
Sein Hut ist olivgrün bis gelblich, kann aber auch fast weiß ausfallen.
Verwechselt wird er vor allem mit grünen Täublingsarten, dem Grünling und jungen Champignons.
Der Pilz enthält Amatoxine, die in den Leberzellen die Eiweißbildung blockieren.
Die Gifte sind hitzestabil und werden weder durch Kochen noch durch Braten oder Trocknen zerstört.
Besonders tückisch ist die lange Latenzzeit: Erste Beschwerden wie Erbrechen, Bauchkrämpfe und Durchfall setzen meist erst 6 bis 24 Stunden nach der Mahlzeit ein.
Auf eine vorübergehende Besserung kann ein akutes Leberversagen folgen.
Behandelt wird unter anderem mit dem Wirkstoff Silibinin aus der Mariendistel.
In schweren Fällen ist eine Lebertransplantation nötig.
Schon ein einzelner Fruchtkörper kann für einen Erwachsenen tödlich sein.
Wie sollten Sammler vorgehen?
Fachleute raten, nur Pilze zu verzehren, die zweifelsfrei bekannt sind.
Im Zweifel sollte der gesamte Fund einschließlich Stielbasis einer Pilzberatung vorgelegt werden.
Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM) vermittelt geprüfte Pilzsachverständige, die in vielen Städten und Landkreisen während der Saison Beratungen anbieten.
Wer nach einer Pilzmahlzeit Beschwerden bemerkt oder eine Verwechslung befürchtet, sollte umgehend das zuständige Giftinformationszentrum oder den Rettungsdienst unter 112 anrufen, auch wenn noch keine Symptome aufgetreten sind.
Reste der Mahlzeit, Putzabfälle und gegebenenfalls Erbrochenes sollten aufbewahrt werden, weil sie die Bestimmung im Labor erleichtern.
Apps könnten allenfalls ein erster Anhaltspunkt sein, so der Tenor der Giftnotrufe.
Die Entscheidung darüber, was in den Kochtopf kommt, dürften sie nicht ersetzen.



