Im deutschen Handball droht eine ungewöhnliche Eskalation: Die Schiedsrichtergespanne der 2.
Bundesliga erwägen, ihren Dienst am kommenden Spieltag niederzulegen.
Auslöser ist ein seit Jahren schwelender Streit über die Vergütung, der nun in offener Konfrontation mit der Handball-Bundesliga GmbH (HBL) mündet.
Mehrere Gespanne hätten signalisiert, ihre Ansetzungen zurückzugeben, sollte bis Freitag kein verbindliches Gesprächsangebot vorliegen, heißt es aus dem Umfeld der Unparteiischen.
Sollte es dazu kommen, stünden gleich mehrere Begegnungen vor der Absage — ein Novum in der jüngeren Geschichte der Liga.

Spesen seit sechs Jahren eingefroren

Kern des Konflikts sind die Aufwandsentschädigungen, die seit 2019 nicht mehr angepasst wurden.
Während Inflation, Spritpreise und Übernachtungskosten in diesem Zeitraum spürbar gestiegen sind, bewegen sich die Pauschalen für An- und Abreise sowie das Spielhonorar auf dem Niveau der Vor-Corona-Zeit.
Branchenbeobachter weisen darauf hin, dass viele Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter inzwischen draufzahlen, wenn sie an einem Wochenende mehrere hundert Kilometer ins Spiellokal anreisen.
Das Selbstverständnis als semiprofessionelle Tätigkeit, das die Unparteiischen lange getragen habe, gerate damit ins Wanken.

Hinzu kommt, dass die sportlichen Anforderungen in den vergangenen Jahren gestiegen sind.
Videostudium, Fitnesstests, Lehrgänge und ein dichteres Spielprogramm beanspruchen die Schiedsrichter weit über das eigentliche Match hinaus.
Aus Kreisen der Gespanne ist zu hören, dass die Diskrepanz zwischen professionellem Anspruch und unverändertem Salär zunehmend als respektlos empfunden werde.
Mehrere erfahrene Pfeifer hätten bereits über einen Rückzug nachgedacht, weil sich der Aufwand neben Beruf und Familie kaum noch rechtfertigen lasse.

Liga unter Zugzwang

Die HBL steht damit vor einer heiklen Lage.
Eine Anpassung der Spesensätze müsste sie aus dem laufenden Haushalt finanzieren, der durch zurückhaltende Sponsorenerträge und die unverändert schwierige Hallensituation in der 2.
Liga ohnehin angespannt ist.
Eine pauschale Erhöhung könnte zudem Begehrlichkeiten in anderen Bereichen wecken, etwa bei den Klubs, die seit Jahren über die Lizenzgebühren klagen.
Marktteilnehmer rechnen damit, dass die Liga zunächst auf Zeit spielen und eine Kommission einsetzen wird, die im Laufe der Sommerpause Vorschläge erarbeitet — ein Modell, das in der Vergangenheit häufig zu Kompromissen geführt hat.

Auf der anderen Seite ist der Druck auf die Verantwortlichen ungewöhnlich konkret.
Ein abgesagter Spieltag wäre nicht nur sportlich eine Zäsur, sondern würde auch die Verträge mit dem Streamingdienst und den regionalen TV-Partnern berühren, die fixe Anstoßzeiten vorsehen.
Verschobene Begegnungen müssten in einen ohnehin engen Restspielplan eingepasst werden, was im Aufstiegs- und Abstiegskampf für zusätzliche Brisanz sorgen würde.

Signalwirkung über die zweite Liga hinaus

Der Vorgang dürfte über die 2.
Bundesliga hinaus Beachtung finden.
In der 3.
Liga und im Regionalbereich pfeifen die Unparteiischen vielfach zu noch geringeren Sätzen, häufig getragen vom Vereinsehrenamt.
Sollte die HBL den Schiedsrichtern der zweiten Liga entgegenkommen, dürfte dies Forderungen in den darunterliegenden Spielklassen nach sich ziehen.
Verweigert sie das Gespräch, riskiert sie, dass auch andere Gruppen ihre Bereitschaft zur Kooperation überdenken.
Der Handball steht damit vor einer Grundsatzfrage: Wie viel ist ihm die Verlässlichkeit jener wert, ohne die kein Spiel beginnt?

Quellen