Der Schiedsrichtermangel im deutschen Amateurfußball spitzt sich weiter zu.
Aus mehreren niedersächsischen Kreisverbänden ist zu hören, dass am vergangenen Wochenende bei mehr als einem Viertel der angesetzten Jugendspiele kein offizieller Unparteiischer zur Verfügung stand.
Begegnungen wurden entweder von Trainern, Eltern oder erfahrenen Spielern geleitet, in einzelnen Fällen mussten Partien kurzfristig verlegt werden.
Was lange als regional begrenztes Problem galt, hat sich nach Einschätzung von Verbandsvertretern zu einer strukturellen Belastung des Spielbetriebs entwickelt.
Rückzug ganzer Jahrgänge an der Pfeife
Die Gründe für den Engpass sind vielschichtig.
Verbände berichten seit Jahren von einer alternden Schiedsrichterschaft und einem schleppenden Nachwuchs.
Junge Unparteiische, die nach der Ausbildung in den Spielbetrieb einsteigen, geben ihr Amt häufig schon nach kurzer Zeit wieder auf.
Als Hauptursache nennen Beteiligte aus dem Amateurbereich vor allem Anfeindungen am Spielfeldrand: Beleidigungen, Bedrohungen und vereinzelt körperliche Übergriffe haben in den vergangenen Saisons zugenommen.
Wer am Samstagvormittag eine D-Jugend pfeife, müsse bisweilen mit einem Verhalten von Eltern und Betreuern rechnen, das mit dem sportlichen Anlass kaum noch in Einklang stehe, heißt es aus Kreisen der Schiedsrichter-Ausschüsse.
Hinzu kommt, dass die Vereine ihre sogenannte Schiedsrichter-Soll-Zahl — also die Pflicht, je nach Mannschaftszahl eine bestimmte Anzahl aktiver Unparteiischer zu stellen — vielerorts nicht mehr erfüllen.
Strafzahlungen werden zwar verhängt, doch sie ändern nichts daran, dass am Spieltag schlicht keine Person an der Pfeife steht.
Einige Kreise haben die Soll-Quote zuletzt nach unten korrigiert, um den Druck auf die Vereine zu mildern.
Kritiker sehen darin eher Symptombekämpfung als eine Lösung.
Improvisierte Spielleitung als Regelfall
Für den Jugendbereich bedeutet die Lage einen Bruch mit gewohnten Strukturen.
Wenn ein Spiel ohne neutralen Schiedsrichter angepfiffen wird, übernimmt in der Regel ein Trainer oder Betreuer die Leitung — meist jener der Heimmannschaft.
Sportlich werden solche Begegnungen üblicherweise gewertet, wenn beide Seiten zustimmen.
In der Praxis führt das jedoch zu einem strukturellen Ungleichgewicht: Schon der Anschein der Parteilichkeit kann Spielverläufe und Stimmung beeinflussen, gerade in eng umkämpften Altersklassen, in denen Tabellenstände über Auf- und Abstieg entscheiden.
Vereine berichten zudem, dass der pädagogische Auftrag des Jugendfußballs unter den Bedingungen leidet.
Regelkunde, Fairplay und das Akzeptieren von Entscheidungen lassen sich schwerer vermitteln, wenn keine neutrale Instanz auf dem Platz steht.
Trainer in Doppelfunktion geraten regelmäßig in unangenehme Lagen, in denen sie zwischen Coaching und Regelwahrung wechseln müssen.
Initiativen mit begrenzter Reichweite
Die Verbände setzen auf Werbekampagnen, finanzielle Anreize und niederschwellige Ausbildungsformate, etwa verkürzte Lehrgänge oder Online-Module.
Auch Schutzkonzepte gegen Gewalt am Spielfeldrand wurden in mehreren Landesverbänden ausgeweitet, darunter klarere Meldewege und konsequentere Sportgerichtsverfahren.
Branchenbeobachter halten die Maßnahmen grundsätzlich für richtig, bezweifeln jedoch, dass sie kurzfristig greifen.
Solange das Klima auf den Plätzen sich nicht ändere, werde es schwer, junge Menschen dauerhaft für das Amt zu gewinnen.
Für die kommenden Wochen rechnen mehrere Kreise damit, dass die Quote der Spiele ohne offiziellen Schiedsrichter weiter steigen wird — insbesondere am Samstagvormittag, wenn die Zahl der parallelen Ansetzungen am höchsten ist.
Strukturelle Entlastung sei erst zu erwarten, wenn der Nachwuchs an der Pfeife wieder verlässlich kommt und vor allem bleibt.



