Schleswig-Holstein und Thüringen erproben seit dem Frühjahr 2026 flächendeckend die Open-Source-Software Nextcloud Talk als Ersatz für Microsoft Teams in der Landes- und Kommunalverwaltung.
Hintergrund ist die wachsende Sorge um digitale Souveränität und der Wunsch, Abhängigkeiten von US-amerikanischen Cloud-Anbietern zu reduzieren.
Wie IT-Verantwortliche in beiden Ländern berichten, läuft die Migration technisch weitgehend stabil, stößt jedoch auf erhebliche Akzeptanzprobleme bei Teilen der Belegschaft.
Die Pilotprojekte sind eingebettet in eine breitere Strategie, die das Land Schleswig-Holstein bereits 2021 mit dem Beschluss begonnen hat, mittelfristig auf quelloffene Software umzustellen.
In Thüringen wird der Einsatz von Nextcloud Talk im Rahmen einer Kooperation mit dem kommunalen IT-Dienstleister erprobt.
Beide Länder folgen damit dem Beispiel des Bundes, der mit dem Projekt openDesk eine souveräne Arbeitsumgebung für die Bundesverwaltung aufbaut.
Treiber sind nicht nur datenschutzrechtliche Bedenken nach dem Schrems-II-Urteil des Europäischen Gerichtshofs, sondern auch die jüngsten Preissteigerungen bei Microsoft-365-Lizenzen.
Warum kehren Kommunen zu Open Source zurück?
Der Wechsel ist nicht ausschließlich technisch motiviert.
Branchenbeobachter verweisen darauf, dass die rechtliche Lage rund um den Transfer personenbezogener Daten in die Vereinigten Staaten weiterhin unsicher sei.
Zwar gilt seit Juli 2023 das EU-US Data Privacy Framework, doch mehrere Datenschutzbeauftragte der Länder bewerten die Rechtssicherheit zurückhaltend.
Hinzu kommt der finanzielle Aspekt: Die Lizenzkosten proprietärer Kollaborationsplattformen sind in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen, während Open-Source-Lösungen lediglich Betrieb und Support verursachen.
Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit hatte in der Vergangenheit wiederholt auf Defizite beim Einsatz von Microsoft 365 in Behörden hingewiesen.
In mehreren Bundesländern laufen vergleichbare Verfahren, die einen einheitlichen Rechtsrahmen für den Einsatz amerikanischer Cloud-Dienste in der öffentlichen Verwaltung anmahnen.
Welche Hürden zeigen sich im Behördenalltag?
IT-Verantwortliche in beiden Ländern klagen vor allem über den Schulungsaufwand.
Mitarbeitende, die seit Jahren an die Benutzeroberfläche von Microsoft Teams gewöhnt sind, müssen sich an veränderte Bedienlogiken, abweichende Konferenzfunktionen und eine andere Integration mit Kalender- und Dateidiensten gewöhnen.
Insbesondere bei älteren Beschäftigten zeigen sich nach Angaben der zuständigen Stellen Vorbehalte, die nicht allein durch technische Einarbeitung aufzulösen seien.
Kritisch bewertet wird zudem die Interoperabilität mit externen Gesprächspartnern.
Wer mit Partnern aus der Wirtschaft, Bundesbehörden oder anderen Kommunen videotelefonieren möchte, stößt schnell auf Medienbrüche, wenn dort weiterhin Microsoft Teams oder Zoom im Einsatz sind.
Marktteilnehmer berichten, dass Brückenlösungen zwar technisch verfügbar, im Alltag aber fehleranfällig seien.
Ausblick: Vorbild oder Nischenlösung?
Ob die Pilotprojekte über die Landesgrenzen hinaus Schule machen, hängt nicht zuletzt von der Skalierbarkeit ab.
Das Bundesministerium des Innern verfolgt mit openDesk einen ähnlichen Ansatz und arbeitet mit der Genossenschaft Sovereign Cloud Stack zusammen, um eine standardisierte Plattform für Bund, Länder und Kommunen anzubieten.
Schleswig-Holstein gilt dabei als Pionier, hatte das nördlichste Bundesland doch bereits frühzeitig auf LibreOffice und weitere quelloffene Anwendungen umgestellt.
Für die kommenden Monate planen beide Länder eine Evaluation, in die auch Rückmeldungen der Beschäftigten einfließen sollen.
Die Ergebnisse dürften maßgeblich beeinflussen, ob weitere Verwaltungen dem Beispiel folgen oder ob Microsoft Teams in der öffentlichen Hand der Standard bleibt.



