Der Nachtzugverkehr zwischen Hamburg und Zürich ist zum Pfingstwochenende durch mehrere Buchungspannen in die Schlagzeilen geraten.
Reisende schildern in sozialen Netzwerken und in Zuschriften an Verbraucherportale, dass Liegeplätze und Schlafwagenabteile teils mehrfach verkauft worden seien.
In einzelnen Fällen sollen sich beim Einstieg in Hamburg-Altona drei Parteien gleichzeitig auf denselben Platz berufen haben.
Wer zuletzt zustieg, verbrachte die Nacht laut Schilderungen entweder im Gang oder musste sich in einem Sitzwagen behelfen.
Schuldzuweisungen zwischen Wien und Berlin
Die Strecke wird als Nightjet von der ÖBB betrieben, der Vertrieb läuft jedoch sowohl über die österreichischen Bundesbahnen als auch über die Deutsche Bahn und diverse Drittanbieter.
Auf Nachfrage betroffener Reisender verweist die ÖBB nach übereinstimmenden Berichten auf Fehler in der Schnittstelle zum DB-Vertriebssystem, während die Deutsche Bahn ihrerseits angibt, lediglich Kontingente weiterzuverkaufen, die von der ÖBB freigegeben würden.
Beide Unternehmen erklären, den Sachverhalt zu prüfen.
Für Reisende bleibt die Rechtslage damit unübersichtlich.
Nach den Fahrgastrechten der EU steht ihnen bei Nichtbeförderung in der gebuchten Klasse grundsätzlich eine Entschädigung zu, doch die praktische Abwicklung gestaltet sich nach Erfahrungsberichten zäh.
Mehrere Betroffene schildern, dass sie zwischen den Servicestellen beider Bahnen hin- und hergereicht würden.
Verbraucherzentralen raten dazu, sämtliche Buchungsbestätigungen, Sitzplatzreservierungen und Korrespondenz aufzubewahren und Ansprüche schriftlich beim jeweils verkaufenden Unternehmen geltend zu machen.
Strukturelle Engpässe im Nachtzugnetz
Die Pannen treffen ein Verkehrssegment, das sich seit Jahren in einer schwierigen Wachstumsphase befindet.
Die ÖBB hat ihr Nightjet-Netz nach dem Rückzug der Deutschen Bahn aus dem klassischen Nachtzugverkehr stark ausgeweitet, neue Garnituren werden seit Ende 2023 schrittweise in Betrieb genommen.
Die Nachfrage übersteigt nach Angaben aus der Branche an Brückentagen und Feiertagen das Platzangebot regelmäßig um ein Vielfaches.
Hinzu kommen Baustellen entlang der Rheinschiene, die zu kurzfristigen Umleitungen und veränderten Wagenreihungen führen.
Beobachter weisen darauf hin, dass die Vertriebssysteme der europäischen Bahnen technisch nicht auf demselben Stand sind.
Während Flugverkehrsbuchungen seit Jahrzehnten über zentrale Reservierungssysteme abgewickelt werden, sind die Schienenfahrkartensysteme historisch national gewachsen und kommunizieren über Schnittstellen, die bei hoher Last anfällig für Inkonsistenzen sind.
Doppelbuchungen sind nach Einschätzung von Marktteilnehmern daher kein Einzelphänomen, sondern Symptom einer noch nicht vollständig harmonisierten Infrastruktur.
Was Reisenden jetzt bleibt
Für das verlängerte Pfingstwochenende sind nach Auskunft beider Bahnunternehmen kaum noch reguläre Plätze verfügbar.
Wer kurzfristig auf alternative Verbindungen ausweichen will, ist auf Tagesverbindungen mit mehrfachem Umstieg angewiesen.
Erfahrungsgemäß füllen sich auch diese Züge an Feiertagen schnell.
Branchenbeobachter erwarten, dass die aktuellen Vorfälle den Druck auf ÖBB und Deutsche Bahn erhöhen, ihre Vertriebskooperation transparenter zu gestalten und Kapazitätsfreigaben in Echtzeit abzugleichen.
Ob sich die Pannen zu einem grundsätzlichen Vertrauensverlust für den europäischen Nachtzug ausweiten, dürfte auch davon abhängen, wie kulant die beteiligten Unternehmen mit den nun eingehenden Entschädigungsforderungen umgehen.
Der Nachtzug gilt vielen Reisenden als klimafreundliche Alternative zum Kurzstreckenflug – ein Image, das ein chaotisches Pfingstwochenende empfindlich beschädigen kann.



