Die Versorgungslücken bei rezeptpflichtigen Generika haben sich im Frühjahr weiter verschärft.
Apothekerverbände berichten, dass nicht nur einzelne Wirkstoffe, sondern ganze Präparategruppen schwer beschaffbar geworden sind.
Betroffen sind Antibiotika, Schmerzmittel sowie Medikamente gegen Bluthochdruck und Diabetes.
Die gesetzlichen Krankenkassen melden sich nun erstmals deutlich zu Wort und fordern Änderungen am System der Rabattverträge.
Der Streit um die Ursachen der Engpässe schwelt seit Jahren.
Hersteller verweisen auf konzentrierte Lieferketten in Asien, dünne Margen und hohe Anforderungen an die Qualitätssicherung.
Krankenkassen halten dagegen, dass die Lieferschwierigkeiten in vergleichbaren Ländern teilweise weniger ausgeprägt seien.
Apotheken stehen zwischen den Fronten und müssen nahezu täglich auf Alternativpräparate ausweichen.
Wo das Rabattsystem an seine Grenzen stößt
Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern bestimmen seit knapp zwei Jahrzehnten weite Teile der Generikaversorgung.
Der Vertrag bündelt das Volumen einer Kasse für einen Wirkstoff bei einem Anbieter und drückt damit die Preise.
Kritiker bemängeln, dass dieses Modell die Vielfalt am Markt reduziert hat.
Wenn der Vertragspartner ausfällt, sind kurzfristige Wechsel oft schwer zu organisieren.
Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen räumen ein, dass die ursprünglichen Effizienzgewinne mit Risiken einhergehen.
Sie pochen jedoch darauf, das System weiterzuentwickeln statt es abzuschaffen.
Zur Diskussion stehen Mehrfachvergaben, eine Bevorzugung von Anbietern mit Produktionsstandorten in der EU sowie verbindliche Lagerhaltungsvorgaben.
Das Bundesgesundheitsministerium hat angekündigt, im Sommer einen Vorschlag vorzulegen.
Apotheken kämpfen mit organisatorischem Mehraufwand
In den Apotheken bindet die Engpass-Lage zunehmend Personal.
Beschäftigte berichten, mehrere Stunden pro Tag mit der Beschaffung alternativer Präparate, Rücksprachen mit Arztpraxen und der Aufklärung verunsicherter Patienten zu verbringen.
Die Zeit fehlt für Beratung und für die pharmazeutischen Dienstleistungen, die der Berufsstand in den vergangenen Jahren ausgebaut hat.
Verbandsvertreter sprechen von einer schleichenden Erosion der wohnortnahen Versorgung.
Patientenseitig führt der Engpass zu Verunsicherung.
Ein Wechsel zwischen Präparaten kann bei chronisch Kranken zu Therapieanpassungen und schlechterer Compliance führen.
Erste Studien legen nahe, dass häufige Umstellungen die Behandlungsqualität messbar verschlechtern können.
Die Bundesapothekerkammer fordert, dem Apothekenpersonal mehr Spielraum für Substitutionen ohne Rückfrage beim Arzt einzuräumen.
Reformpfad mit offenem Ausgang
Die Bundesregierung sieht sich unter wachsendem Druck.
Bereits im Koalitionsvertrag waren Maßnahmen gegen Lieferengpässe vereinbart worden, ein Engpass-Frühwarnsystem ist seit dem Vorjahr in Betrieb.
Reformen am Rabattsystem hingegen bleiben politisch heikel, da sie die Beitragskalkulation der Kassen berühren.
Branchenbeobachter rechnen damit, dass strukturelle Änderungen frühestens zur Jahreshälfte 2027 wirksam werden.
Für Apotheken und Patienten heißt das zunächst: Engpässe werden ein Begleiter der nächsten Monate bleiben.
Die Frage ist weniger, ob das Versorgungsmodell angepasst wird, sondern wie tief der Eingriff geht.



